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Palast der Replik

Prof. Dr. phil. Stephan Trüby (Gastbeitrag)
Einleitung

Das „Humboldt Forum“ im Berliner Schloss, immerhin das wichtigste deutsche Kulturprojekt seit der Wiedervereinigung, ist in die Hände von Reaktionären und Mutlosen geraten.

„Berlin Castle“ im Luftbild des „War Department“ der „Army Air Forces“ um 1920.
(Foto: US-NARA / NAID 681549891909 / Wikimedia. Unknown author. Gemeinfrei.)

„Berlin Castle“ im Luftbild des „War Department“ der „Army Air Forces“ um 1920.

Die Türen stehen nun also offen, die Fakten sind geschaffen, doch die Debatten reißen nicht ab: Das Humboldtforum im teilrekonstruierten Berliner Schloss, das im Dezember 2020 coronabedingt nur digital und im Juli 2021 dann auch mit real existierenden Besucherströmen eröffnet wurde, ringt weiter um woke Akzeptanz.

Aktuell steht das Humboldtforum vor allem wegen teils (extrem) rechter Spender*innen für die Schlossfassade unter Beschuss. Das Geld, das für die Fassadenrekonstruktion nötig war – insgesamt 105 Millionen Euro – wurde in einer bis dato beispiellosen Aktion von privaten Spender*innen eingesammelt, und zwar vom „Förderverein Berliner Schloss e.V.“ um den Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien. Zu diesen Spendern – dies wurde spätestens durch ein in der „jungle world“ veröffentlichtes Interview mit dem Verfasser im März 2020 etwas öffentlicher1 – gehört auch ein weiterer Verein namens „Gesellschaft Berliner Schloss e.V.“, dessen dreiköpfiger Vorstand zu zwei Dritteln aus rechten Akteuren besteht: dem Schatzmeister Daniel Krüger (der ein AfD-Politiker ist) sowie dem Zweiten Vorsitzenden Guido Hinterkeuser, einem bekannten Architekturhistoriker, der die rechtspopulistische „Gemeinsame Erklärung 2018“2 mitunterzeichnet hat. In dieser Erklärung wandten sich ultra-rechte Akteure wie der Österreicher Martin Semlitsch („Martin Lichtmesz“) und die in Wien lebende deutsche Philosophin Caroline Sommerfeld-Lethen gemeinsam mit rechten Publizist*innen wie Frank Böckelmann, Henryk M. Broder, Michael Klonovsky, Vera Lengsfeld, Matthias Matussek, Max Otte, Thilo Sarrazin oder Cora Stephan gegen eine „Beschädigung Deutschlands“ durch eine „illegale Masseneinwanderung“ im Zusammenhang mit der "Flüchtlingskrise" 2015/2016.

Auf ihrer Webseite bekundet die „Gesellschaft Berliner Schloss e.V.“ stolz, das politikonografisch bedeutendste Element des Eosanderportals maßgeblich mitfinanziert zu haben: die Große Kartusche über dem zentralen Torbogen. Das fünf Tonnen schwere, 7,85 Meter hohe, ca. 8,30 Meter breite und rund zwei Millionen Euro teure Objekt, das neben dem alten preußischen Wappen inklusive Zepter und Reichsapfel auch eine Ordenskette mit schwarzen Adlern sowie eine meterhohe, mit 300 Gramm Blattgold überzogene Krone aufweist, wurde am 4. April 2023 montiert. Wer genau hinter der Finanzierung der Kartusche-Replik steckt, ist noch unklar.

Die Motive hinter derlei Bauschmuck-­Finanzierungen dürften mit konservativen Selbstberuhigungsformeln à la „der Nostalgie […] ermangelt der Impetus des politischen Handelns“,3 die von Historikern wie Martin Sabrow mantrahaft wiederholt werden, nicht hinreichend erklärt werden. Rechte Spender wollen eben nicht nur harmlose Zeitreisen unternehmen, sondern sie sind gekommen, um voller Entschlossenheit Bühnenbilder für den politischen Rollback zu bauen. Erhardt Bödecker (1925-2016) etwa, der rechte Banker ("Weberbank"), der im Kaiserreich den „erfolgreichste[n] Staat der deutschen Geschichte“ sah, spendete gemeinsam mit seiner Frau Anneliese unter anderem die Neufertigung der links neben der Großen Kartusche situierten Nordkartusche des Eosanderportals; Kostenpunkt laut Förderverein: 706.000 EUR.

Als der Kasseler Architekturtheoretiker Philipp Oswalt in einem „Der Tagesspiegel“-Artikel die äußerst rechten und antisemitischen Züge von Bödeckers Weltbild publik machte,4 reagierte die „Stiftung Humboldt Forum“ schnell, distanzierte sich von den Positionen des Großspenders und entfernte das Reliefmedaillon des Ehepaars, das allen Geldgebern mit Zuwendungen ab eine Million Euro aufwärts zugesichert worden war, aus dem Durchgang des Eosanderportals. Doch die Bödeckers und die beiden Vorstände der „Gesellschaft Berliner Schloss e.V.“ – man ahnt es bereits – sind nicht die einzigen Schlossfassadenfinanziers mit Rechtsdrall. Wie in einem Filmbericht von Ulrich Stoll für „3sat Kulturzeit“ zu sehen war5 , griffen auch die rechte Berliner Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF), ihr Chefredakteur Dieter Stein sowie ihr Autor Claus Wolfschlag zum Geldbeutel6 , Ebenfalls trat der Rechtsanwalt Thomas Sambuc – AfD-Kandidat bei den Stuttgarter Gemeinderatswahlen 2019 – als Spender von mindestens 100.000 Euro im Portal II in Erscheinung. Darüberhinaus ist der auch in Stuttgart ansässige Orthopäde Karl-Klaus Dittel zu erwähnen, der zu den Gründern des AfD-nahen „Vereins zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheit“ gehört: Er spendete für die Skulpturen Clio und Liebe des Portals V in einem der Schlosshöfe. Nicht zuletzt hat auch der „Preußenabend München“ für das Schloss gespendet, eine Organisation, bei der, so berichtet Jörg Häntzschel in der „Süddeutschen Zeitung“ mit Verweis auf Recherchen des „Bayerischen Rundfunks“, „rechtskonservative Akademiker, Vertriebenenfunktionäre, AfD-Politiker und Neonazis“ auftreten – darunter auch der inzwischen wegen Terrorverdacht vor Gericht stehende Bundeswehr-Oberleutnant Franco A. 7

Es liefe also auf eine Verharmlosung hinaus, die aktuellen Aufdeckungen um rechte Schlossfassadenspender*innen als „Einzelfälle“ abzutun. Zwar lässt sich beim Rekonstruktionsprojekt Berliner Schloss – anders als etwa bei der Potsdamer Garnisonkirche (ein Rekonstruktionsprojekt wird hier seit 1990 verfolgt) oder der Neuen Frankfurter Altstadt (2012–2018) – keine relative „Urszene“ im Milieu der Ultra-Rechten festhalten, doch ein Drehmoment in Richtung „radikalisierter Konservatismus“8 (Natascha Strobl) hatte die deutsche Schlosssehnsucht von Anfang an.

Die frühesten Rekonstruktionsplädoyers wurden kurz nach der Wiedervereinigung im geschichtsrevisionistischen Milieu von konservativen Publizisten wie dem Propyläen-Verleger Wolf Jobst Siedler und dem ehemaligen FAZ-Herausgeber Joachim Fest formuliert9 , die in den 1960er und 1970er Jahren ihren Teil dazu beigetragen hatten, den Kriegsverbrecher Albert Speer zu einem „guten Nazi“ zu stilisieren.10 1992 gründete sich dann Boddiens Förderverein, um – so die Vereinssatzung – das Schloss in „weitestgehender Originaltreue seiner Fassaden und Höfe sowie wichtiger historischer Innenräume für Bildungs- und kulturelle Zwecke“ wiedererstehen zu lassen.

Für das Gros der Architekturwelt war von Boddien kaum mehr als der etwas wunderliche Chef der Schlossfälscherbande.11 Sein Verein wurde von Menschen mit basaler Architekturbildung ungefähr so ernst genommen wie ein orthodoxer Orden, der Krawattennadeln anbetet. Zumal der Traum von einem Palast der Replik in Form des wiedererstehenden Schloss unter komplettem Halluzinationsverdacht stand, da das Areal ja vom Palast der Republik bebaut war: einem Meisterwerk der Ostmoderne, der nicht nur Sitz der DDR-Volkskammer war, sondern vor allem auch Kulturhaus für die gesamte Bevölkerung. Doch plötzlich, im Jahre 2000, formulierte Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" (SPK), die Idee eines „Humboldt-Forums“ in der Schlosskubatur – und brachte die Schlossgegner damit erstmals in die Defensive.

Ausdruck des „positiven Patriotismus“

Der niederländische Journalist Merlijn Schoonenboom (geb. 1974) verknüpft in seinem lesenswerten Buch „Ein Palast für die Republik“ das das rekonstruierte Berliner Schloss mit so ziemlich allen politisch-gesellschaftlichen Aufregerthemen, die die Bundesrepublik Deutschland seit der Wiedervereinigung umgetrieben haben: die Überführung der Gebeine Friedrichs des Großen von der Burg Hohenzollern nach Sanssouci im Jahre 1991; das Pogrom gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen 1992;12 die bayerische Kruzifix-Debatte 1995; die Diskussion um Friedrich Merz‘ Leitkultur-Intervention im Jahre 2000; die WM 2006; die Debatten um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab 2010; die Entstehung der AfD 2013 und der Pegida-Bewegung 2014; die „Flüchtlingskrise“ 2015 und die Kölner Silvesternacht im selben Jahr; der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 etc.

Für Schoonenboom geht es bei den vielen, seit nunmehr drei Jahrzehnten anhaltenden Debatten um die Schlossrekonstruktion immer „um ein und dasselbe: die Frage, welche Richtung das Land einschlagen sollte und welche Symbole dazugehören“.13 Der Niederländer sieht das Humboldt-Forum mit all diesen und vielen weiteren Themen meistens locker verknüpft, manchmal aber auch eng verbunden.

Letzteres wird insbesondere bei der Kreuzthematik deutlich, die so etwas wie ein Leitmotiv in Schoonenbooms Buch darstellt. Bereits die Errichtung der Originalkuppel mit Kreuz und Inschrift, die 1844 durch König Friedrich Wilhelm IV. erfolgte, wird durch ihn ins politisch rechte Licht gerückt, und zwar mithilfe von Äußerungen des deutschen Kunsthistorikers Alfred Hagemann, der seit 2018 den Bereich „Geschichte des Ortes“ am "Humboldt-Forum" leitet. Hagemann, so Schoonenboom, nennt es ein „‘Missverständnis‘, die Regierungszeit Friedrich Wilhelms IV., des ‚Romantikers auf dem Thron‘, zu entpolitisieren, weil er zeichnete und baute, statt Kriege zu führen“.14

Der König collagierte eben nicht aus Kunstsinnigkeit heraus höchstpersönlich aus mehreren Bibelstellen (Apostelgeschichte IV, 12 und Philipper II, 10) einen umlaufenden Kuppeltext, der da lautet: „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Denn dieser Text, so Hagemann laut Schoonenboom, „betont […] den universellen Herrschaftsanspruch des Christentums, und dieser war für Friedrich Wilhelm Grundlage seiner eigenen, uneingeschränkten Souveränität als ‚Herrscher‘“.15 Hagemann: „Jede Infragestellung des Christentums bedeutete für Friedrich Wilhelm daher auch eine konkrete Bedrohung seiner Herrschaft.“16 Entsprechend könne man in der Errichtung der Kuppel mit dem Kreuz auch ein Vorzeichen für die Niederschlagung der republikanischen Bewegung 1848 sehen.17

Denselben konservativen Geist sieht Schoonenboom bei der Kuppelrekonstruktion am Werk, mit der auch Kreuz und die Innenschrift neu entstanden. Er weist auf die Widersprüchlichkeit von CDU/CSU-Positionen simultaner Kruzifix-Freibriefe und Kopftuchverbote in Klassenzimmern hin: Ersteres wurde in vielen konservativ regierten Bundesländern ermöglicht, weil es kein politisches, nur ein kulturelles Symbol sei („Abendlandklausel“); Letzteres bleibt mit Verweis auf das Gebot religiöser Neutralität in vielen Klassenzimmern verboten. Dessen ungeachtet bekundet laut Schoonenboom die CDU-Politikerin Monika Grütters, die als Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien unter Bundeskanzlerin Angela Merkel auch zuständig für das "Humboldt-Forum" war, dass natürlich ein Kreuz auf das Schloss müsse: „Ein Kreuz schließe keinen Dialog aus. Gerade die eigene Kultur solle nämlich der Ausgangspunkt eines Dialogs mit der anderen sein. Das Humboldt-Forum sei ‚nur glaubwürdig, wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen. Nur wer sich seiner Identität sicher ist, kann dem anderen Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen‘, sagt sie in der Welt.18

Schoonenboom interpretiert das "Humboldt-Forum" als eine Art gebauter Konsens von rechts und links: „Deutschland bekommt sein Schloss, den Wunsch der Konservativen, und im Innern eine Institution mit progressiver Botschaft.19 Er scheint die Widerstände gegen das Projekt, die aus der Zunft progressiver Ethnolog*innen formuliert und u.a. von Friedrich von Bose rapportiert wurden,20 nicht zu kennen.

Im Unterschied zu dem Welt-Journalisten geht der Niederländer aber intensiv auf die postkolonial inspirierten Verwerfungen rund um das Projekt ein und erwähnt etwa die Sprengsätze einer Bénédicte Savoy. In Schoonenbooms Lesart wurde das "Humboldt-Forum" unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder parallel zum „negativen Patriotismus“ des Holo­caust-Mahnmals als Ausdruck eines „positiven Patriotismus21 geboren. Unter der auch in Richtung Linksliberalismus durchaus integrativ wirkenden Kanzlerschaft Angela Merkels wurde es dann zunächst zum Ausdruck einer „beständigen Versöhnung zwischen beiden politischen Lagern in Deutschland“,19 jedenfalls bis zur Kölner Silvesternacht 2015, die er als „Endpunkt des scheinbaren ‚Konsenses‘ der Merkel-Ära“ einordnet: „Die Phase der Versöhnung, die die Zeit zwischen 2006 und 2015 charakterisiert hat, ist zu Ende. Ab 2016 kehrt der Konflikt über kulturelle Identität in die Mitte der Gesellschaft zurück – doch ab jetzt bestimmt nicht mehr der rechte Flügel der CDU die Debatte über dieses Thema, sondern die viel extremere AfD.“22

Nun bestellen auch Figuren wie der Rechtsaußen Politiker Marc Jongen, der für die AfD im Stiftungsrat der "Stiftung Humboldt-Forum" sitzt, das Feld politischer Emotionen. Er postet 2018 ein Selfie23 mit Schutzhelm auf der "Humboldt-­Forum"-Baustelle und bringt im selben Jahr eine Große Anfrage in den Deutschen Bundestag ein. Das Schloss drohe für ihn zu „einem Ort antiwestlicher Selbstanklage“ zu werden.15 Man versuche Deutschland erneut eine „Schuld“ einzureden, diesmal nicht wegen des Holocausts, sondern wegen der kolonialen Vergangenheit.24 Schoonenboom schließt pessimistisch: „Das Humboldt-Forum ist nicht mehr länger ein versöhnendes Symbol. Der Dialog der Kulturen ist in Deutschland zu einem Konflikt der Kulturen geworden.“15

Dem ist zuzustimmen, auch wenn man das Konsensideal und die Versöhnungsorientierung des Autors nicht unbedingt teilt.

Schluss: Mesalliance von Reaktionären und Mutlosen

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der postkoloniale Groschen bei den Verantwortlichen des Humboldt Forums erst in jüngster Zeit – und nach dem Rückzug Bredekamps – gefallen ist; was kulturpolitisch besonders fatal ist, wenn man sich vor Augen führt, dass sich der Bau des Originalschlosses kolonialen Zusammenhängen verdankt. Er fällt in den Einstieg von
Brandenburg-Preußen in den transatlantischen Sklavenhandel, und zwar mit der von 1683 bis 1717 bestehenden kurbrandenburgischen Kolonie Großfriedrichsburg.25 Besonders eindrücklich wird dies in einem sehr persönlichen Text der Architektin und Kuratorin Anna Yeboah, die seit 2020 die Gesamtkoordination des Modellprojekts „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ für die "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e.V." verantwortet, für die Zeitschrift "ARCH+".26 Darin schildert sie, wie sie mit ihrem aus Ghana stammenden Vater einmal jenes noch heute existierende Fort von Großfriedrichsburg besuchte, in dessen Kellerräumen Tausende von Menschen Einsperrungen und Folterungen erleiden mussten, bevor sie nach Mittelamerika deportiert wurden. Von ihren Qualen blieb vor Ort eine schwarze Masse zurück, die den Kellerboden heute wie ein weicher Estrich überzieht: eine über die Jahrhunderte stabilisierte Melasse aus Blut und menschlichen Fäkalien.

Doch von Derlei wollen die feintuerischen deutschen Schlossbaufreunde, die dem Boddien’schen Förderverein Millionen spendeten, lieber nichts wissen. Es könnte ihr Bild von der „guten alten Zeit“ stören. Statt einen Gedanken an afrikanische Blutböden zu verschwenden, setzten sie dem "Humboldt Forum" noch die ultimative Krone in Form der erwähnten Kuppel mit Kreuz und Inschrift auf. Finanziert hat diesen Spruch – ebenso wie das eine Million Euro teure Kreuz27 – die Versandhaus-Erbin Inga Maren Otto im Gedenken an ihren verstorbenen Mann Werner A. Otto.28

Mittlerweile hat sich die "Stiftung Humboldtforum" vom Kuppelspruch distanziert und will ihn nachts mit einer leuchtenden Laufschrift und Auszügen aus dem Grundgesetz sowie der Menschenrechtserklärung überblenden.29 Und tagsüber, bei laufendem Betrieb, soll die im Museum adressierte Weltgesellschaft sich dem christlichen Herrschaftsanspruch unterwerfen?

Das „Humboldt Forum“ tritt nun, so scheint es, in eine Phase der High-end-Bizarrerie ein. Doch selbst die Leuchtschrift-Hilflosigkeit der "Stiftung Humboldtforum" bringt Wilhelm von Boddien noch aus der Façon. Wer laut von Boddiens christliche Insignien heute infrage stellt, riskiert „einen kulturellen Bruch, wie wir ihn in unserer Geschichte noch nie hatten – die Herrschaft der Säkularisierung über unsere 2000 Jahre alten Wurzeln im Christentum“.30 Möge irgendwer von Boddien und den Seinen erklären, dass es sich bei dem Bau nicht um eine Kirche, sondern um einen in der Tat säkularen Ort handelt und dass Aufklärung nur gegen religiöse Mächte durchgesetzt werden konnte und kann.

Man muss es so deutlich formulieren: Das wichtigste deutsche Kulturprojekt seit der Wiedervereinigung ist in die Hände einer Mesalliance von Reaktionären und Mutlosen geraten. Es braucht in Deutschland neben neuer politischer Entschlossenheit wohl nun vor allem auch schweres Gerät, um sich den symbolpolitischen Zumutungen ultrakonservativer Stadtbild-Lobbyisten zu erwehren.

(Der Autor Prof. Dr. phil. Stephan Trüby ist Professor für Architektur und Kulturtheorie sowie Direktor des „Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen“ der Universität Stuttgart)

  • 1„Der Wunsch, eine bessere deutsche Geschichte zu erschaffen. Stephan Trüby im Gespräch mit Till Schmidt“, in: jungle.world, 4. März 2021 (https://jungle.world/artikel/2021/09/der-wunsch-eine-bessere-deutsche-g…)
  • 2Vgl. https://bkramer.noblogs.org/unterzeichnerinnen-der-erklaerung-2018/
  • 3Martin Sabrow: „Nostalgie als historisches Zeitwort”“ in: Zeithistorische Forschungen, Heft 1/2021 (https://zeithistorische-forschungen.de/1-2021/5925#kap4)
  • 4Philipp Oswalt: „Preußentum und Antisemitismus: Ehrt das Humboldt Forum einen Mäzen mit rechtsradikaler Gesinnung?“, in: Tagesspiegel, 27. Oktober 2021 (https://plus.tagesspiegel.de/kultur/preussentum-und-antisemitismus-ehrt…)
  • 5Vgl. https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/sendung-vom-08-dezember-2021-100…
  • 6Jörg Häntzschel schreibt über die Tatsache, dass die "Junge Freiheit" für das Schmuckelement Sima mit Löwenköpfen gespendet hat: „Das war der Stiftung [Humboldt Forum, S. T.] offenbar so unangenehm, dass sie kürzlich den Förderverein bat, die Spende zurückzuzahlen, was Fördervereinschef Wilhelm von Boddien aus rechtlichen Gründen aber ablehnte. Der Eintrag Junge Freiheit ist in der Spendenliste dennoch gelöscht worden.“ Zit. nach Jörg Häntzschel: „Rechte Spenden für das Berliner Stadtschloss: Wer hat‘s bezahlt?“, in: Süddeutsche Zeitung, 8. Dezember 2021 (https://www.sueddeutsche.de/kultur/humboldt-forum-berliner-stadtschloss…)
  • 7Anmerkung AIB: Laut einer dem AIB vorliegender Einladung zum „Preußenabend“ von Leuther v. Gersdorff (Otterfing) war der entsprechende „Preußenabend“ für den 15. Dezember 2016 im "Hotel Regent" in München geplant. Laut dieser Einladung stand auf dem Programm: „Franco Albrecht: Das neue Selbstverständnis der deutschen Konservativen als Zentralrat der Deutschen oder Deutsche Konservative, die Diaspora im eigenen Land“. Weitere Vorträge des "Preußenabend" waren demnach mit Gerd Sudholt (20. Oktober 2016) und Karl Heinz Erkrath (24. November 2016) geplant.
  • 8Natascha Strobl: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse, Berlin: Suhrkamp, 2021.
  • 9Vgl. Joachim Fest: „Denkmal der Baugeschichte und verlorene Mitte Berlins. Das neue Berlin, Schloss oder Parkplatz? Plädoyer für den Wiederaufbau des Schlüterschen Stadtschlosses“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. November 1990; Wolf Jobst Siedler: „Das Schloss soll wieder her!“, in: Merian: Berlin, 13. September 1991; später wiederveröffentlicht unter dem Titel „Das Schloss lag nicht in Berlin, Berlin war das Schloss“, in (ders.): Abschied von Preußen, Berlin: Siedler, 1991
  • 10Vgl. Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere, München: Siedler, 2017
  • 11Vgl. Wilhelm von Boddien: „Wie es dazu kam. Die Debatte um den Wiederaufbau“, in: Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss (Hrsg.): Das Humboldt Forum im Berliner Schloss, München / London / New York: Prestel, 2020, S. 86.
  • 12Vgl. Merlijn Schoonenboom: Ein Palast für die Republik. Eine kleine Geschichte der großen deutschen Suche nach Identität, Berlin: Argobooks, 2020 (2019), S. 87
  • 13Ebd., S. 16
  • 14Ebd., S. 48.
  • 15a15b15cEbd.
  • 16Alfred Hagemann, zit. nach Schoonenboom, Ein Palast für die Republik, S. 48
  • 17Vgl. ebd.
  • 18Ebd., S. 193
  • 19a19bEbd., S. 124
  • 20Friedrich von Bose: Das Humboldt-Forum. Eine Ethnografie seiner Planung, Berlin: Kadmos, 2016
  • 21Schoonenboom, Ein Palast für die Republik, S. 123
  • 22Ebd., S. 165
  • 23Ebd., S. 189
  • 24Vgl. Ebd., S. 213
  • 25Vgl. von Bose, Das Humboldt-Forum, S. 127
  • 26Anna Yeboah: „Black Out Berlin-Brandenburg. Die Rekonstruktionen der Potsdamer Garnisonkirche, des Berliner Stadtschlosses und andere Spatialisierungen des deutschen Kolonialismus, in: ARCH +235: „Rechte Räume. Bericht einer Europareise“, Mai 2019.
  • 27Jens Bisky: „Toleranz: Die unmögliche Inschrift“, in: Süddeutsche Zeitung, 22. Mai 2020 (https://www.sueddeutsche.de/kultur/toleranz-die-unmoegliche-inschrift-1…)
  • 28Wie Philipp Oswalt dargelegt hat, hat Werner A. Otto „im Jahr 2001 dem rechtsnationalen Bundeswehroffizier a. D. Max Klaar drei Millionen Mark für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam zugesagt“; vgl. http://schlossdebatte.de/?p=753
  • 29Vgl. https://www.berliner-zeitung.de/news/berliner-humboldt-forum-aendert-um…
  • 30Wilhelm von Boddien, zit. nach https://www.zeit.de/news/2021-12/02/berliner-humboldt-forum-aendert-ums…